Vier Senioren schauen auf 2 Notebooks

Geburtsstunde der Gruppe Street-Art-Fotogruppe

Maud Meinel

Nach dem Besuch des Museums „Urban Art Nation“ im März diesen Jahres saßen die Teilnehmer noch in einem nahegelegenen Café in Schöneberg und tauschten sich über Graffitis und Straßenkunst aus. Es stellte sich heraus, dass sich einige schon länger für diese Kunst interessieren. Tipps über Orte und Erfahrungen wurden weitergegeben. Einige verabredeten sich für den Besuch einer temporären Graffitiausstellung in Wilmersdorf. Hier im Café entstand die Idee, gemeinsam durch die Stadt zu streifen und zu entdecken, was Berlin an Street-Art zu bieten hat. Vielleicht könnte eine Ausstellung mit Fotos von unseren Lieblingsgraffitis im Herthaclub entstehen. Eine Ausschreibung für eine solche Gruppe erfolgte: Neue Gruppe: Graffitiwelt in Berlin mit der Kamera entdecken

Erste Exkursion der Street-Art-Fotogruppe Rosenthaler Straße 39 und Umgebung

© Ingrid Bahri

Ingrid Bahri

Das erste Treffen der Straßenkunstgruppe fand im Juli bei herrlichem Sonnenschein statt und führte uns in die Rosenthaler Str. 39 – direkt neben den Hackeschen Höfen. Dieser Hinterhof hat mich total fasziniert. Ich war vorher noch nie hier. Es ist eine riesige Open-Air-Gallery vollgepackt mit Graffitikunst/Street Art. An allen Wänden gibt es etwas zu sehen. Die Sachen bestehen aus den verschiedensten Materialien und Motiven. Hier braucht man auch keinen Eintritt zu zahlen. Die Gegend um den Hackeschen Markt ist eine Touristenhochburg mit Starbucks, Einkaufsketten und teuren Geschäften. Ganz anders die Gebäude in der Hausnummer 39. Hier befinden sich auch das Anne-Frank-Museum, das Museum der Blindenwerkstatt Otto Weidt, das Kino Central, die Galerie Neurotitan und diverse Kneipen und Cafés. Die Künstler haben jede freie Fläche besprüht, bemalt oder beklebt, meist farbig, aber auch in schwarz/weiß. Die Kunstwerke sind unterschiedlich groß, von ganz klein bis überdimensional wie z.B. das bekannte Portrait von Anne Frank vor dem Museum. Es kommen ständig neue Graffitis hinzu, so dass die älteren nur noch teilweise zu erkennen sind. Einige Sprayer hinterlassen einen Namenszug oder ein sich wiederholendes Motiv. So kann man Künstler wieder erkennen. Das Bild eines Clowns mit einer roten Nase, hatte eine Teilnehmerin schon öfter in Berlin, aber auch schon in Tel Aviv gesehen. Nach einer ersten Orientierung zogen wir mit unseren Kameras durch den Hinterhof und fotografierten. Dabei entdeckten wir immer wieder neue Ecken und Details. Bevor es weiter ging, gönnten wir uns erstmal ein erfrischendes Getränk in einem der Cafés. Es war einer dieser heißen Sommertage, unser erster Ausflug und weil es Spaß gemacht hat zogen wir auf gut Glück noch weiter in die umliegenden Straßen. Der Blick immer an der Wand entlang. Und wir wurden fündig. Wir haben Feuer gefangen und freuen uns schon auf die nächste Tour.

Street-Art-Fotogruppe auf dem ehemaligen RAW Gelände

© Maud Meinel

Brigitte Krahwinkel

Am 22.8.2018 traf sich unsere Gruppe in der „Urban Spree Galerie“, Revaler Straße 99 in 10245 Berlin. So weit im Osten war ich noch nie. Mit Hilfe von Karte und Navi versuchte ich, den Treffpunkt zu finden. Irgendwo musste in der Nähe der Warschauer Straße doch eine Galerie sein. Nach mehreren Hundert Metern Mauer hatte ich das Gefühl, dass hier was falsch läuft. Aber dieses dubiose Gelände hinter der Abgrenzung zu betreten kam mir nicht in den Sinn. Der Navi bestand aber darauf, dass hier die Nummer 99 sei. In der Erwartung, gleich wieder des Feldes verwiesen zu werden, tastete ich mich vorsichtig auf dem Gelände voran. Eine Kletterhalle, Clubs und Diskos, Trödelmöbel, Ateliers, die Minidisko-Telefonzelle, die ich mal im WDR-TV gesehen hatte, eine wunderschöne Außengastronomie und am Ende wahrhaftig die Galerie, die übrigens eine gute Ausstellung, Seriengrafik und massig Literatur zur Urban Art anbot. Dass hier auf diesem Gelände nachts eine Menge Umsatz gemacht wird, konnte man an den verschiedenen hübsch verkleideten Geldautomaten erkennen, aber dass es mich nachts hierher verschlagen könnte, möchte ich bezweifeln. Ja, und jetzt wurde klar, dass man gleich hinter der Brücke nur die Stufen runter zu gehen brauchte. Als die Gruppe komplett war, stellte sich heraus, dass andere ähnlich umhergeirrt sind. Für mich, deren Leben sich im Normalfall zwischen Kudamm und Kantstraße abspielt, hatte das Gelände schon etwas Gruseliges. Aber den Müll in den Ecken und die Scherben zwischen den alten Pflastersteinen vergaß man beim Fotografieren, denn es gab kein Eckchen, das nicht irgendwie gestaltet, in der Regel besprüht war. Die Ausbeute an Bildern war gewaltig und der Austausch darüber am Ende unseres Streifzugs durch das Gelände sehr vergnüglich.

 

 

Ausflug in das arabische Berlin – eine Führung mit einem syrischen Flüchtling in Neukölln

© Hannah Reber

Maud Meinel

Es war einer dieser ganz heißen Sommertage an dem eine Gruppe von Senioren des Herthaclubs aus Wilmersdorf zu einer Führung in Neukölln aufbrach. Einige Teilnehmer waren schon „eine Ewigkeit“ nicht mehr in Neukölln, andere haben dort vor Jahren einmal gelebt oder ihre Kindheit in diesem Stadtteil verbracht. Diese Führung war keine gewöhnliche Stadtführung, sondern wir sollten aus dem Munde eines syrischen Flüchtlings hören, wie er aus Syrien nach Berlin gekommen ist und was ihn mit Neukölln verbindet. Im Schatten eines Hauses, gegenüber der Feuerwehr stellt sich Mohamad Khalil als ein Kurde aus Aleppo vor. Kurden haben keinen eigenen Staat und leben in vielen verschiedenen Ländern. Sie haben keine gemeinsame Sprache, aber eine gemeinsame Kultur. Dazu zählt das Nouruzfest, welches wir im letzten Jahr auch im Club gefeiert haben. Als Mohamad erzählte, wie er auf dem Weg von Aleppo in die kurdische Provinz zu Verwandten nach 14 gut überstandenen Straßensperren von Dschihadisten aus dem Bus geholt wird und er und seine ihn begleitende Mutter nicht wissen, ob er gleich erschossen oder gezwungen wird, sich der militanten Gruppe anzuschließen, wurde es ganz still. Warum kommen so viele junge Männer, ist eine oft gestellte Frage. Sicher, weil ihre Chancen lebend nach Europa durchzukommen größer ist als von Frauen, aber auch weil jungen Männern droht, als Soldaten in den Krieg gezwungen zu werden. Welche Eltern möchten ihre Söhne in einen Krieg schicken? Eine köstliche Zwischenstation machten wir in einem der vielen arabischen Restaurants in dem alle eine frisch zubereitete Falafel gratis erhielten. Mohamad erzählte uns dort etwas über die Fotos aus Aleppo, die an der Wand in dem Restaurant hängen. „Wenn ich Heimweh habe, gehe ich in die Sonnenallee. Hier hört man die vertraute Sprache und bekommt leckeres arabisches Essen.“, berichtete uns Mohamad. Die Sonnenallee wird auch die arabische Straße genannt. Als wir diese Straße erreicht hatten bekam jeder Teilnehmer einen Zettel mit dem Name eines arabischen Geschäftes in arabischer Schrift. Wir drehten und wendeten die Zettel, denn es war nicht klar, wie herum die Schrift richtig gelesen wird. Unsere Aufgabe: die Sonnenallee entlang zu laufen und den Laden zu finden, auf dem das arabische Wort steht. Gar nicht so einfach, diese unbekannten Schriftzeichen wieder zu erkennen. Da kommt dann eine Ahnung auf, wie schwierig es für die Flüchtlinge ist, unsere Schrift zu lernen. Nach einer schwierigen Reise und vielen bürokratischen Hürden hat Mohamad in Marzahn eine Wohnung gefunden. Innerhalb von drei Jahren hat er es geschafft, die deutsche Sprache so gut zu beherrschen, dass er bereits Maschinenbau studieren kann. Am Ende führte uns Mohamad, der mit uns seine 71. Führung mit dem Verein Querstadtein gemacht hat, in eine wunderbare arabische Bäckerei und dort versüßten wir uns den Abschied von unserem beeindruckenden Führer und Neukölln.